“strassenfeger” von der Straße weggefegt

Es ist eine traurige Nachricht, die vor einigen Wochen die Berliner erreicht hat. Die Obdachlosenzeitung “strassenfeger” ist nun Geschichte. Nicht nur die Zeitung, auch der Laden “Kaffee Bankrott”, wo die bedürftigen Menschen tagsüber sich aufhalten konnten, musste schließen. Die Vereinsmitglieder betonen aber, die Projektschließung soll nur temporär sein. Weitere Hilfsprojekte sind schon in Planung. Doch damit es auch klappt, sollen mehr Berliner sich ehrenamtlich engagieren. So wie in Saarbrücken, wo der Anteil der Ehrenamtlichen um 3 % höher ist als im Rest der Republik. Du willst mehr wissen zu ähnlichen Themen? Dann schau doch mal hier:

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Am 18.6.2018 beschloss die Mitgliederversammlung des Vereins Strassenfeger e.V. beide Hilfsprojekte, die schon längst als Traditionsprojekte der Hauptstadt etabliert waren, zu schließen. „Dies war keine leichte Entscheidung für die Mitglieder und den Vorstand. Wir möchten die Vereinstätigkeiten zukünftig nach dem Motto Qualität statt Quantität weiter betreiben“, erklärte in der offiziellen Pressemitteilung Mara Fischer, Vorstandsvorsitzende von Strassenfeger e.V.

Gründe für die Pleite

Die Gründe für solch eine radikale Entscheidung waren leider nicht überraschend: die knappen Ressourcen, wirtschaftliche und personelle Situation im Verein, die steigende Anzahl an Bedürftigen. Zudem kamen Probleme auf, die nicht mit einer finanziellen Spritze schnell gelöst werden konnten. Die Verkäuferinnen und Verkäufer der Obdachlosenzeitung konnten vor Übergriffen nicht geschützt werden und die Vertriebsstruktur von “strassenfeger” war desolat gewesen. Auch sank das Vertrauen der Bevölkerung in das Projekt einer Straßenzeitung. Denn es häuften sich die Beschwerden über die Verkäufer der Zeitung: Statt die Zeitung zu verkaufen wurden die Personen beim Betteln beobachtet.

Der sinkende Absatz Berliner Obdachlosenzeitung “strassenfeger” bestätigt auch den traurigen deutschlandweiten Trend, dem der Verein nicht entgegenwirken konnte.

Rettungsplan für die Zeitung

Doch ein Herzensprojekt gibt man nicht so schnell auf. Obwohl eine Rettung der Obdachlosenzeitung zurzeit nicht möglich ist, werden schon konkrete Pläne geschmiedet, wie man die Zeitung aus der Sackgasse wieder auf die Straße bringt.

Eine komplette Neuaufsetzung muss stattfinden, damit ein verantwortungsvoller und erfolgreicher Betrieb gewährleistet werden kann. Vorab soll eine Marktanalyse erfolgreicher Strassenzeitungsmodelle durchgeführt werden. Neue tragfähige Konzepte für Vertrieb sollen erarbeitet werden. Aber auch um die bessere Unterstützung seitens der Polizei wie auch effektive Kooperation mit den Medien geht es den Machern des Projekts.

Eine Zeitung mit Geschichte

Die Geschichte der Zeitung beginnt im Oktober 1995. Verantwortlicher Chefredakteur und Autor war in der Anfangszeit bis zur Jahrhundertwende Karsten Krampitz. Seine redaktionelle Philosophie bestand darin, Straßenzeitungen zu einem “linken Boulevardblatt” zu entwickeln. Daher fand der Leser im “strassenfeger” sowohl Artikeln, die auf die Lebensumstände von obdachlosen Menschen hingewiesen haben, wo die schwierigen, zum Teil gesellschaftlich verursachten Lebensumstände betont wurden, als auch diverse Interviews mit Personen, die im Rampenlicht der Gesellschaft stehen. Ein Interview für die Zeitung gaben unter anderem Harald Juhnke, Harry Rowohlt, Inge Meysel. Sie beantworteten die Fragen, die aus der Sicht von Obdachlosen gestellt wurden. Somit sollte die Aufmerksamkeit für die Straßenzeitung massenwirksam erreicht werden.

Zahlreiche Aktionen sollten die Aufmerksamkeit für die Obdachlosenzeitung ankurbeln. So haben im Jahr 2000 die Obdachlosen und Verkäufer der Zeitung “strassenfeger” das Berliner Luxushotel Kempinski besetzt. In dieser symbolischen Aktion protestierten die Beteiligten gegen die Schließung von Notübernachtungen zum Ende der Kältehilfe 1999/2000. Aber schon ein Jahr zuvor wurde in ähnlicher Aktion das Berliner Hotel Adlon besetzt.

Im Jahr 2006 inszenierte Klaus Maria Brandauer im Admiralspalast die “Dreigroschenoper”. In der Hauptrolle als Macheath stand Campino von den Toten Hosen auf der Bühne. Der “strassenfeger” fundierte in dieser Produktion als Medienpartner, wobei die Straßenzeitung das Programmheft der Aufführung bildete.

Ein neues Hilfsprojekt ist geplant

Die Wohnungsnot in Berlin schlägt hohe Wellen. Der Verein will jetzt in den Räumen des ehemaligen Treffpunkts “Kaffee Bankrott” eine Notunterkunft für obdachlose Familien einrichten. Die Zahlen, die dem Verein vorliegen, sind erschreckend: In Berlin gibt es aktuell 30.000 wohnungslose Menschen, die in den diversen Unterkünften ein Obdach gefunden haben. Doch man schätzt zwischen 6.000 bis 10.000 Personen, die nachts auf der Straße schlafen müssen. Darunter sind viele Familien mit Kindern.

Mittlerweile kommen obdachlose Familien aus allen gesellschaftlichen Schichten. Am härtesten trifft die Wohnungsnot in der Hauptstadt alleinerziehende Mütter. Die finanzielle Situation der Frauen ist manchmal so prekär, dass sie teilweise mit Säuglingen aus ihren Wohnungen geworfen werden, wenn die Miete nicht rechtzeitig gezahlt wird.

In der Notunterkunft des Vereins an der Strokower Straße gibt es jetzt schon 31 Betten. Alle Schlafplätze sind jede Nacht voll. Nur ein Zimmer steht für Familien zur Verfügung und das ist arg zu wenig. Die Anfragen sind drastisch gestiegen. Wegen Platzmangel müssen vier bis fünf Familien weggeschickt werden. Und das jeden Abend.

Die durch die Schließung der Zeitung und des Cafés “Kaffee Bankrott” sind Kapazitätet frei geworden, die jetzt zum Ausbau der Notunterkunft verwendet werden. Das sind rund 900 Quadratmetern freier Fläche. Diesmal liegt der Schwerpunkt der Verteilung bei den Familien. “Wir wollen 35 zusätzliche Plätze für Familien schaffen. Die braucht Berlin dringend”, betont Mara Fischer, Vorstandsvorsitzende von Strassenfeger e. V.

Weg von der Straße, rein in die Schule

Doch die gemeinnützigen Vereine können das Problem der steigenden Anzahl der obdachlosen Familien in Berlin nicht lösen. Die Politik muss langfristige Lösungen für soziale Misere in der Hauptstadt anbieten und diese auch realisieren. Bildung und Teilhabe Zuschuss für wirtschaftlich Schwache ist ein Projekt der Bundesregierung aus dem Jahre 2011, das wirtschaftlich schwachen Familien und vor allem Kindern die Teilnahme an zahlreichen Bildungsangeboten ermöglicht. Für die Beantragung von berlinpass-BuT braucht man keinen schriftlichen Antrag mehr zu stellen. Sofern die Voraussetzungen erfüllt sind, reicht die Vorlage einer Kita- oder Schulbescheinigung bzw. die Vorlage des Schülerausweis I und ein Passfoto des Kindes. Die Antragsformulare sind online.