Geschichte des Vereinswesens

Geschichte des Vereinswesens

Das Vereinswesen blickt auf eine lange Tradition zurück. Wie es sich entwickelt hat von seinen Anfängen bis heute, und ob das Klischee des typischen deutschen Vereinsmeiers heute noch zutrifft, erfährst du in dem folgenden Artikel.

Am Anfang gab es freie Vereinigungen

Wenn wir die Entstehung des Vereinswesens betrachten, geht es zuerst einmal um Vereinigungsfreiheit. Diese war in Deutschland nicht immer selbstverständlich gegeben.

Den Anfang gesellschaftlicher Vereinigungen, die sich außerhalb der gängigen hierarchischen Strukturen organisierten, kann man auf ca 1800 zurückführen. In dieser Zeit waren alle Lebensbereich streng hierarchisch strukturiert: Familien, Schule, Handwerk, Militär, Politik …

Es entwickelten sich zunehmend gesellschaftliche Prozesse in Form von Interessensgemeinschaften, die einen Gegenentwurf darstellen wollten zu einem obrigkeitshörigen, königstreuen System, welches vor allem die Vormachtstellung des Adels und der herrschenden Klasse im Sinn hatte.  
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden aus bürgerlichen Kreisen heraus selbst organisierte Gemeinschaften, die ein gemeinsames Interesse verfolgten. Diese wurden schon als Vereine bezeichnet.

Die Obrigkeit sah diese Vereine nicht gern, da sie die Meinungsbildung dort nicht kontrollieren konnte.

Welche Vereinigungen gab es?

Die Preußischen Patrioten verfolgten zwei Ziele: Sie strebten ein Gesellschaftssystem an, in dem Menschen unabhängig von ihrem Stand, sondern auf Basis ihrer Qualifikation in eine bestimmte Position gelangen konnten. Allein die Kompetenz des Einzelnen entschied darüber, welches Amt er bekleiden konnte. Außerdem wollten die Preußischen Patrioten ein unabhängiges Staatssystem etablieren, das sich von der Schreckensherrschaft Napoleons befreien und alleine agieren sollte.

Ansätze demokratischer Organisationsformen sind auch bei den Tafeln zu erkennen. Diese entstanden in der bürgerlichen Mitte als Treffpunkt zu weltpolitischen Diskussionsrunden. Man traf sich bei einem Gastgeber zu Hause unter dem Vorwand eines gemeinschaftlichen Abendessens. Viele Menschen waren damals Analphabeten, und so kam es, dass nicht nur eifrig diskutiert wurde, sondern dass man sich auch gegenseitig aus Büchern vorlas. Die Frauen waren für die Ausrichtung der abendlichen Gesellschaft verantwortlich. Sie bereiteten allerdings nicht nur die Speisen und Getränke vor, sondern nahmen auch an den Gesprächen teil.


Jahns Turnplatz – ein Meilenstein in der Vereinswelt

1810 gründete Friedrich Ludwig Jahn den Geheimen Deutschen Bund zur Befreiung Europas, welcher die Befreiung Europas von der Herrschaft Napoleons zum Ziel hatte. Durch militärische Erziehung und Schulung durch das Turnen versuchte Jahn, seine Mitglieder auf einen Befreiungskrieg vorzubereiten.

Er eröffnete in der Berliner Hasenheide den ersten öffentlichen Turnplatz, der allen Interessenten der Leibesertüchtigung offenstand. Jahns Turnplatz war neu in jeder Hinsicht. Hier wurden demokratische Strukturen erschaffen, denn alle Mitglieder waren gleich – man duzte sich, was zu der damaligen Zeit völlig unüblich war. Es wurde nach Qualifikation beurteilt und nicht nach der Herkunft. Die Turner konnten selbstbestimmt trainieren, sie durften selbst entscheiden, ob sie Wandern gingen oder an den Geräten turnen wollten. Selbstbestimmung war in dieser Zeit unüblich, normalerweise herrschten Drill und Disziplin. Diese Selbständigkeit und Gleichheit der Mitglieder war wohl auch ein Grund für den Erfolg des Turnplatzes. Von der Hasenheide aus etablierte sich der Turnsport in einer rasanten Entwicklung; auch das Vereinswesen fand durch das Wirken Friedrich Ludwig Jahns eine grundlegende Struktur.

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Die Mächtigen fühlten sich bedroht

Ein wesentliches Merkmal der damaligen Vereinigungen war, dass ihre Mitglieder sich aus einem gleichen Interesse heraus freiwillig vereinten und nicht etwa durch Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie, eines Clans oder der Zunft- und Standesgemeinschaft.

Die Herrschenden fühlten sich bedroht, dementsprechend verfolgten und inhaftierten sie die Organisatoren von Vereinen. 1798 wurde eine Kabinettsorder wirksam, die alles untersagte, was auf “Veränderungen in der Verfassung oder Verwaltung” abzielte. Die Interessengemeinschaften trafen sich weiterhin im Verborgenen.

Erst die Revolution im Jahr 1848 bewirkte eine allgemeine Versammlungs- und Vereinsfreiheit, die in der Paulskirchenverfassung festgeschrieben stand.

Das Vereinswesen wurde zum Massenphänomen, eine wahre Gründungshysterie war in Deutschland zu verzeichnen. In den folgenden Jahrzehnten nach dem Scheitern der Revolution durften Vereine in vielen Bereichen gegründet werden, die Bildung von politischen Vereinigungen wurde allerdings unterdrückt. Vor allem sozialdemokratische und sozialistischeVereine wurden verboten, geregelt durch das sogenannte “Sozialistengesetz”, das von 1878 bis 1890 in Kraft trat. Erwerbs- und Wirtschaftsgesellschaften hatten es leichter, denn ihre Existenz förderte die Wirtschaft und war gern gesehen.

Das Vereinswesen florierte – nun auch mit Frauen und Jugendlichen

Die zweite Hälfte des 19 Jahrhunderts wird auch als “Halbjahrhundert der Vereine” bezeichnet. Eine Reihe von Veränderungen durchzog die Gesellschaft – die Schulpflicht wurde eingeführt, es gab Pressefreiheit, die Leibeigenschaft wurde abgeschafft und eine allgemeine demokratische Entwicklung fand statt. Arbeiter erhielten bessere Arbeitsbedingungen, Frauen bekamen das Wahlrecht und durften mit Zustimmung ihres Mannes berufstätig sein.

Aus diesen günstigen Voraussetzungen heraus entstand eine neue Dynamik in der Vereinswelt – die zuvor schon zu verzeichnende Gründungswelle von Vereinen hielt weiterhin an. Das Besondere daran war, dass die Vereine in Deutschland nun prinzipiell jedem offen standen; alle durften mitmachen – einschließlich Jugendlicher und Frauen. Vereine vermittelten Werte und formten Weltbilder, sie waren ein Ort des sozialen Miteinanders, das bunte Vereinsleben etablierte sich um den Vereinszweck herum.

Musik-, Theater-, Arbeiter-, Gesellenvereine wurden ebenso neu gegründet wie soziale Vereine, die man als Vorboten der heutigen karitativen Organisationen betrachten kann. Auch politische Vereine entstanden und die ersten Genossenschaften wie zum Beispiel die SPD im Jahr 1860.

Das BGB legte im Jahr 1900 eine Trennung zwischen wirtschaftlichen und ideellen Vereinen fest. Diese hat bis heute Gültigkeit.

Vereine im Nationalsozialismus

Die Ideologie der Nationalsozialisten machte auch vor der Vereinswelt nicht halt. Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 regte sich aktiver Widerstand gegen die rechtspopulistische Ideologie in der Vereinswelt. Die Arbeitersportbewegung wurde mit der Wahl Hitlers zerschlagen und seine Mitglieder in Konzentrationslagern gefoltert und umgebracht.

Dem Zeitgeist entsprechend, waren viele Verbände und Vereine an einer Umsetzung der NS Ideologien beteiligt. Manche Vereine handelten in vorauseilendem Gehorsam, indem sie ihre jüdischen Mitglieder bereits vor Erscheinen des Arierparagrafen 1933 aus Vorstandspositionen entfernten.

Beispiel für vorauseilenden Gehorsam: der Deutsche Schützenbund

Der Deutsche Schützenbund verwehrte bereits im April des Jahres 1933 Juden den Zutritt zum Verein. Der Arierparagraf hingegen wurde erst im Dezember 1933 von der NS-Regierung erlassen. Zum Jahreswechsel 1933/34 setzte der Schützenbund eine arische Abstammung voraus, wenn jemand Mitglied werden wollte; seitens des Regimes bestand zum damaligen Zeitpunkt für diese Maßnahme keine Vorschrift.

Die meisten Vereine schlossen Anfang 1934 ihre jüdischen Mitglieder aus, und der Rahmen der Vereins- und Verbandsordnung wurde spätestens ab 1941 durch das NS-Regime festgelegt. Das schon vorher bestehende sogenannte “Führerprinzip” wurde durchgesetzt, das Wahlrecht im Vereinswesen abgeschafft. Der Vorstand musste aus den Reihen der NSDAP kommen.

Es war ein wechselseitiger Prozess: Auf der einen Seite wurden Vereine und Verbände schrittweise in das NS-System integriert, andererseits erhielt hierdurch der Nationalsozialismus Einzug in die Vereins- und Verbandsstrukturen. Für die Beteiligten stellte das eine Gratwanderung zwischen Repression, Chancenwahrnehmung, Kooperation und Selbstbehauptung dar.

Nicht immer stießen die neue Ideologie und ihre Umsetzung auf Begeisterung. Kinder und Jugendliche mussten der Hitlerjugend beitreten, sie wurden gedrillt und auf den Krieg vorbereitet, anstatt wie bisher im Vereinswesen demokratische Grundwerte vermittelt zu bekommen. Manche Vereinsmitglieder ertrugen schlicht die nationalsozialistische Ideologie, ohne sie aktiv zu unterstützen.

Es gab auch Widerstand

Gerade zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft leisteten einige Vereine aktiven Widerstand gegen die “Gleichschaltung”. Es sollte nur noch einen Jugendverband geben, organisiert von der NSDAP – den Bund Deutscher Mädel für die Mädchen und die Hitlerjugend für die Jungen. Das Regime verbot alle bestehenden Vereine, löste sie auf und “schaltete sie gleich” – integrierte sie also in die NSDAP. Somit mussten die Jugendlichen der Partei beitreten.

Der kommunistische Jugendverband protestierte. In Berlin und Essen trafen sich Jugendliche zu sogenannten “Blitzdemonstrationen”. Sie warfen auf öffentlichen Plätzen Flugblätter von Dächern in belebte Straßen und malten nachts antinationalsozialistische Parolen an Häuserwände. Die Gestapo brach den Widerstand schnell, zwei Jahre lang brauchte sie nur, um die Jugendlichen zu inhaftieren und in Konzentrationslager zu bringen, sofern ihnen eine Flucht ins Ausland nicht gelang.

Die Mitglieder von den Naturfreunden und der Sozialistischen Arbeiterjugend ereilte das gleiche Schicksal, wenn sie sich radikalisierten.

Und heute?

Es gibt über 600.000 Vereine in Deutschland, die meisten Deutschen sind Mitglied in einem oder mehreren Vereinen. Nach dem 2. Weltkrieg erfuhr das Vereinswesen in Deutschland einen enormen Aufschwung. Seit den 1970er Jahren hat sich die Zahl der Vereine in Deutschland verfünffacht. Es gibt verschiedene Gründe dafür: Die Menschen verfügen über mehr Freizeit, sie sind mobiler und es besteht ein besseres Bildungsangebot.

Das Vereinswesen als dritter Sektor hat nach wie vor Bestand und ist ein fester Teil unserer Gesellschaft. Traditionsvereine haben allerdings oft mit dem Problem der Nachwuchsgewinnung zu kämpfen. Dafür gibt es immer mehr junge Menschen, die einen Verein gründen. Wer sich mit Gleichgesinnten zusammentut, um zum Beispiel eine Trendsportart wie das Slacklining oder Artistik voranzubringen, hat wahrscheinlich kein Problem damit, neue Mitglieder zu werben – dem hippen Image sei dank.

Vereine – Orte von Demokratie und Selbstbestimmung

Heutzutage pflegen viele junge Vereine ein offenes Image, das in einer sich rasant ändernden Gesellschaft auch für sozialen Wandel steht.

Wer sich im Vereinswesen engagiert, den verbindet erst mal eines mit den anderen Mitgliedern: ein gemeinsames Interesse. Das macht das Vereinsleben auch so interessant, denn es gibt viele Reibungspunkte, die zwangsläufig entstehen, wenn verschiedene Menschen mit verschiedenen Hintergründen und Ansichten aufeinander treffen. Natürlich ist nicht jedes Vereinsmitglied von Natur aus tolerant. Aber der Verein bietet eine großartige Organisationsform, um sich darin zu üben.

Man muss sich nicht nur selbst organisieren, sondern auch einigen und miteinander abstimmen – ein Grundprinzip der Demokratie.