Turnvater Jahn polarisiert schon wieder

Turnvater Jahn polarisiert schon wieder

Friedrich-Ludwig-Jahn als Namensgeber einer Einrichtung erneut in der Kritik

Der Friedrich-Ludwig-Jahn Sportpark in Berlin Prenzlauer Berg soll im Jahr 2020 abgerissen und neu aufgebaut werden. Der Neubau wird als Inklusionssportpark dienen, als Stützpunkt für den Behindertensport. Bei dieser Gelegenheit möchte man auch den Namen ändern, denn der deutsche Turnvater hat derzeit keinen guten Ruf.

Er sei ein Antisemit gewesen und ein Chauvinist, behaupten die Befürworter einer Namensänderung. Die Bezirksverordnetenversammlung meint, dass die Lehre des Mitbegründers des Turnsportes mit den heutigen demokratischen Werten nicht mehr zu vereinbaren wäre.

Jahn hat auch viele Anhänger, er wird verehrt für seine Dienste an der deutschen Vereinswelt, als Ikone des Sports und Begründer des Turnens.

Jahns Verdienst am Vereinssport

Tatsächlich war Friedrich-Ludwig-Jahn einer der Vorreiter einer offenen Gesellschaft.

Jahn war es, der in der Hasenheide den ersten öffentlichen Turnplatz errichtete. Dieser war frei für alle zugänglich – einschließlich Behinderter. Er lebte in der Zeit von 1782 – 1852, eine Zeit, in der kein Mensch sich für die Rechte von Behinderten interessierte.

Der Turnplatz in der Hasenheide war so etwas wie der Urvater der Vereine. Es gab damals noch keine Vereine in dem Sinne, wie wir sie heute kennen. In der Hasenheide fanden sich die unterschiedlichsten Menschen zusammen, um miteinander Sport zu treiben. Hier fand der erste Zusammenschluss von Menschen mit gleichen Interessen statt – eine Grundlage, auf die das Vereinswesen von heute fußt. Nach und nach etablierte sich das Vereinswesen als solches, vorangetrieben durch den Turnvater Friedrich Ludwig Jahn. Er begründete und verbreitete das Geräteturnen, verfasste Bücher zur Leibesertüchtigung und verschrieb sein ganzes Handeln der Verbreitung des Sportes.

Turnvater durch regimetreue Nazifamilie ersetzt

Die öffentliche Diskussion um Friedrich-Ludwig-Jahn ist nicht neu. Bereits 2015 nannte sich die Friedrich-Ludwig-Jahn Grundschule in Prenzlauer Berg um. Bötzowschule heißt sie nun, benannt nach der Berliner Brauerfamilie Bötzow. Diese ist als Namensgeber umstritten, denn zu Zeiten des Naziregimes stand sie dem Führer sehr nah. Familie Bötzow unterstützte die Machthaber so sehr, dass Hermann Bötzow, Geschäftsinhaber der Brauerei, im April 1945 Selbstmord beging.

Ob Familie Bötzow mit ihrem regimetreuen Hintergrund wirklich besser als Namensgeber geeignet ist als Friedrich Ludwig Jahn, der seinen Turnplatz allen Mitgliedern der Gesellschaft zur Verfügung stellte, sei dahingestellt.

Wissenschaftler belegen: Jahn war kein Antisemit

In mehreren wissenschaftlichen Schriften kommen die Verfasser zu dem Ergebnis, dass Jahn kein Antisemit gewesen sei. Hier muss das “Handbuch des Antisemitismus” von Wolfgang Benz erwähnt werden, ebenso wie das Buch “Der erste Deutsche” von Hans-Jürgen Schulke.

Was belegt ist, sind seine Äußerungen zum “Völkischen”, seine patriotischen und nationalistischen Tendenzen. Jahn hatte die Idee eines Großdeutschlands, das sich von der Herrschaft Napoleons befreit hätte und dem einige der benachbarten Staaten angehören sollten. Die Geschicke dieses Landes sollten auch von einzelnen Bürgern aus der Bevölkerung gelenkt werden. Seine Vision hatte also etwas sehr Patriotisches an sich, aber auch demokratische Tendenzen.

Berliner gegen Umbenennung. Eine Umfrage der BZ ergab, das über 90 Prozent der Leser gegen eine Umbenennung des Sportparks stimmten.

Und nun?

Es spricht viel gegen eine Umbenennung des Sportparks und wenig dafür.

Ist es wirklich notwenig, den Inklusionssportpark umzubenennen, obwohl Jahn die Integration Behinderter als Erster in Angriff nahm – und das zugunsten eines Namensgebers, der das Naziregime treu unterstützte? Wo ist da die Political Correctness?

Darum geht es doch bei diesem ganzen Namensgeberstreit: Um möglichst korrekt zu sein in einer Zeit, in der die AfD im Bundestag sitzt und ein Typ mit einem toten Hamster auf dem Kopf die Geschicke des mächtigsten Landes der Welt lenkt.

Sollte man alle Bauten, Einrichtungen und Straßen umbenennen, deren Namensgeber nicht mehr unseren heutigen Vorstellungen von Moral und Ethik entspricht? Dann hat Deutschland viel zu tun.

Die Verantwortlichen könnten ihre für diesen Namensstreit verwendete Energie besser für sinnvollere politische Aktionen verwenden.

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